REFA Nordwest e.V.
HOME

Der Mensch beherrscht die Technik - nicht umgekehrt

 

 

Bis 2025 sollen mehr Maschinen Aufgaben am Arbeitsplatz absolvieren als Menschen. Das jedenfalls sagt eine aktuelle Studie des Weltwirtschaftsforums. Als Leiter des Studiengangs Wirtschaftsingenieurwesen an der NORDAKADEMIE – Hochschule der Wirtschaft gAG, forscht und lehrt Prof. Dr. Volker Ahrens zu Industrie 4.0. Er spricht über die Rolle des Menschen in einem hochtechnologischen Umfeld – und darüber, wie die REFA-Lehre den Arbeitenden den Rücken stärkt. Das Interview führte Dr. Birgit Lutzer.

Ist Industrie 4.0 manchmal ein Selbstzweck?

Industrie 4.0 folgt dem technologischen Imperativ: was der Mensch technisch kann, soll er auch technisch tun. Wenn wir also z. B. Smartphones haben, sollen wir sie auch einsetzen –überall; man könnte sagen: koste es, was es wolle. Und wenn wir große Datenmengen haben, sollen wir sie auswerten. Dem steht jedoch zum einen das ökonomische Prinzip entgegen, nach dem Aufwand und Nutzen in einem angemessenen Verhältnis stehen sollen. Danach soll Technik nur eingesetzt werden, wenn und soweit das wirtschaftlicher ist als menschliche Arbeit. Zum anderen stehen dem Persönlichkeitsrechte von Individuen und Geheimhaltungs-Interessen von Unternehmen entgegen: Daten, die solche Rechte und Interessen verletzen, sollen nicht verwertet werden.

Und wo bleibt bei aller Wirtschaftlichkeit der Mensch?

Automatisierung ist und bleibt ohne Zweifel ein Motor des industriellen Fortschritts. Industrie 4.0 leistet dazu einen Beitrag, indem sie aktuell vor allem die Potenziale der Digitalisierung erschließt. Gerade deutsche Unternehmen, die technologisch führend sind, brauchen solche Innovationen, um ihre international führende Position zu behaupten. Doch eine vollständige Verdrängung des Menschen durch Technik ist nicht in Sicht – nicht, weil es vielleicht nicht möglich wäre, sondern schlicht, weil es nicht wirtschaftlich wäre. Menschliche Arbeit bleibt erhalten, weil sie in vielen Bereichen wie z. B. der variantenreichen Fertigung effizienter und effektiver ist als ihr Ersatz durch Technik. Ziel bleibt auch weiterhin eine schlanke Produktion und nicht Hightech um jeden Preis.

Industrie 4.0 scheint dem Ziel einer schlanken Produktion zu widersprechen. Es ist oft die Rede von intelligenten Systemen, die dem Menschen die Arbeit abnehmen …

Das stimmt! Und dank ihrer Intelligenz soll die Technik dann auch autonom sein, also selbst Entscheidungen treffen. Wer entscheidet, muss aber auch für die Folgen eintreten, also z. B. für Schäden aufkommen. Entscheidungen sind nämlich immer an Verantwortung gebunden. Verantwortung übernehmen kann aber nur der Mensch. Also müssen auch Entscheidungen immer von Menschen getroffen werden.

Also kann der Mensch gar nicht komplett durch Technik ersetzt werden?

Nein! Autonomie ist im Wesentlichen nichts anderes als ein neuer Begriff für Automatisierung. Der Fortschritt durch Digitalisierung wird darin bestehen, dass die Algorithmen zur Steuerung von Maschinen und Anlagen komplexer werden und auf eine größere und dadurch zuverlässigere Datenmenge zurückgreifen können, sodass sich komplexere Prozesse automatisieren lassen. Aber das Ingangsetzen und Überwachen, das Eingreifen in Ausnahmesituationen bis hin zum Abschalten bleibt dem Menschen vorbehalten.

Meinen Sie damit, dass die Technik dem Menschen zu dienen hat?

Ja! Ein Beispiel für digitale Technik, die dem Menschen dient, sind Assistenzsysteme. Sie entlasten ihn dort, wo er überfordert ist, beispielsweise bei Rechenaufgaben. Die findet man in Produktion und Logistik unter anderem bei der Minimierung von zurückzulegenden Wegen oder bei der Optimierung der Reihenfolge einer größeren Anzahl von Aufgaben. Solche Aufgaben müssen zukünftig nicht mehr von zentralen Stellen wie der Arbeitsvorbereitung geplant und den Werkern zugewiesen werden. Mit Hilfe ihrer Assistenzsysteme können die sich zukünftig mehr und mehr selbst organisieren.

Welche Konsequenzen hat das für indirekte Bereiche?

Tatsächlich ist die REFA-Methodenlehre bisher vor allem in indirekten Bereichen wie der Arbeitsvorbereitung angesiedelt. Dadurch, dass eine zunehmende Automatisierung im Zuge von Industrie 4.0 den Menschen nicht ersetzt, wird das REFA-Know-how dort weiterhin eine ganz wesentliche Rolle spielen, z. B. im Zuge der Arbeitsplanung, wenn man an Themen wie Ergonomie und Zeitwirtschaft denkt.

Wie wirkt sich das auf die Werker aus?

Teile der Arbeitssteuerung werden allerdings zunehmend durch eine Selbstorganisation der Werker ergänzt. Diesbezüglich bleibt den indirekten Bereichen die Aufgabe das Personal vor Ort zu beraten und zu unterstützen. Allerdings drehen sich dabei die Machtverhältnisse um: hoch qualifizierte und technisch aufgerüstete Werker werden nur solche Beratungs- und Unterstützungsleistungen anfordern, deren Nutzen klar erkennbar ist. Gerade darin liegt aber die Stärke der REFA-Methodenlehre: sie leistet quantifizierbare Beiträge, hat sich seit Jahrzehnten bewährt und wird kontinuierlich weiterentwickelt.

Können Sie das noch etwas konkretisieren?

Die REFA-Methodenlehre bezieht sich vor allem auf menschliche Arbeit, und da diese aus Gründen der Wirtschaftlichkeit und Verantwortbarkeit nicht vollständig automatisiert werden kann, bleibt sie und damit die REFA-Methodenlehre bedeutsam. Allerdings wird sie sich in dem Maße weiterentwickeln müssen, wie menschliche Arbeit durch neue Technologien beeinflusst wird. Dafür sind sogenannte Wearables ein Beispiel, also tragbare Computer, die mit Sensoren und Aktuatoren ausgestattet sind, um Werker bei der Verrichtung ihrer Arbeit zu unterstützen. Dies ist eine neue, eine andere Art der Unterstützung wie die durch konventionelle Werkzeuge oder Maschinen. Das wiederum hat Konsequenzen für Aspekte wie Ergonomie und Zeitwirtschaft und muss in die REFA-Methodenlehre Eingang finden.

Was passiert, wenn der Mensch doch durch Technik entmündigt wird?

Der Erfolg einer weiteren Automatisierung, wie sie aktuell im Zuge von Industrie 4.0 vorangetrieben wird, steht und fällt mit der Akzeptanz durch diejenigen, die damit arbeiten sollen. Der Mensch ist autonom, nicht Maschinen und Anlagen. Und auch Unternehmen sind autonom und legen zu Recht Wert darauf das zu bleiben. Jeder Versuch, in einer liberalen Gesellschaft Persönlichkeitsrechte und Geheimhaltungs-Interessen signifikant und nachhaltig zu beschneiden oder das Primat der Wirtschaftlichkeit vor der technischen Machbarkeit zu ignorieren, wird früher oder später scheitern. Schauen Sie sich Zukunftsvisionen an, wie sie in zeitgenössischen Romanen und Filmen erzählt werden: Sie werden nicht eine finden, die von einer durchtechnisierten Gesellschaft ein positives Bild zeichnet, und ein Happy End ist regelmäßig eines, bei dem der Mensch die Technik in ihre Schranken weist. Allerdings bin ich zuversichtlich, dass es in der realen Welt zu einem solch‘ martialischen Kampf Mensch gegen Technik gar nicht erst kommen wird. Das erledigt der ökonomische Wettbewerb, der stets zur effizientesten und effektivsten Lösung zwingt. Und dabei hat auch zukünftig der Mensch oft genug die Nase vorn.

Liebe Medienvertreter/innen, bitte informieren Sie uns, wenn Sie das Thema aufgreifen und lassen Sie uns einen Veröffentlichungs-Link und/oder ein Belegexemplar zukommen!

 

Servicetelefon:

0800 12345 7332

Der Anruf aus dem Festnetz ist für Sie kostenfrei.