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Hysterie 4.0 - unberührt vom Wandel der anderen - Dossier-Auszug

Hysterie 4.0 ist nach Ansicht von Jürgen Mehlmann und Thomas Niestegge von Schmitz Cargobull überflüssig. Sie wenden sich mit Pragmatismus gegen den Trend von Industrie 4.0 und Digitalisierung – nicht etwa, weil man beim renommierten Hersteller für Sattelauflieger keinen Nutzen darin sehen würde, sondern weil man auf die Kraft des gesunden Menschenverstandes setzt.

Bei Schmitz Cargobull setzt man auf das unterschätzte Potenzial der Mitarbeiter als Treiber des Wandels. Als Vorzeige-Unternehmen und deutscher Vorreiter in Sachen Lean Management hat der Hersteller von LKW-Anhängern bereits hinreichende Erfahrungen mit der Implementierung neuer Arbeitsweisen gemacht. Daher geht man mit dem Thema Digitalisierung eher pragmatisch um – wie auch beim Lean Management sollte die Arbeit nicht durch Datenströme, sondern durch gesunden Menschenverstand geprägt sein. Der Wandel kann demnach nur gelingen, wenn nicht nur die fachlichen, sondern vor allem die menschlichen Potenziale der Mitarbeiter gemeinsam erkannt, gefördert und genutzt werden.

Hysterie 4.0 - Auszug aus dem Interview mit Jürgen Mehlmann und Thomas Niestegge

Wie hat sich die Arbeit in den 32 Jahren Ihrer Zeit bei Schmitz Cargobull verändert?

Mehlmann: Wir sind da besonders unterwegs. Wir hatten 1996 die ersten Kontakte zum Thema Lean Management, sind dann beim Toyota Produktionssystem gelandet und lassen uns auch heute noch von den Japanern beraten und inspirieren. Vor 15 Jahren haben wir noch im 120-Minuten-Takt gearbeitet – da hatten wir noch keine Taktzeit, und haben uns auf elf Minuten heruntergetaktet. Da stand ich selbst noch an der Werkbank, und es war damals ein Kulturschock, wie sich das dann im Zuge der Workshops verändert hat. Der Mitarbeiter steht selber mit der Stoppuhr da und beobachtet seine Kollegen. Und so haben wir dann die Ziele erreicht, die angestrebte Taktzeit. Irgendwann stößt man aber an Grenzen in den Taktzeiten, wenn man nicht investieren will. Wir haben das aber alles mit dem Wissen der Mitarbeiter umgesetzt, das ist alles von denen gestaltet worden. Und das war damals schwierig, da musste man dem älteren Mitarbeiter seinen überflüssigen Lieblingshammer wegnehmen, damit es funktioniert. Man musste die Welt verändern. Aber sobald jemand gemerkt hat, wo die Vorteile waren, dass man zum Beispiel weniger Belastung hat, dann hat das funktioniert.

Wie weit hat Industrie 4.0 bereits Einzug bei Schmitz Cargobull gehalten?

Mehlmann: Wir sind an der ein oder anderen Stelle anlagengetrieben, da sind wir schon sehr weit mit dem Thema fortgeschritten. Da kommt eine Datenvorgabe, der Mitarbeiter klickt nur noch, und die Anlage läuft los. Wir wollen in Industrie 4.0 weiter investiveren, allerdings mit Bedacht. Denn wir stehen dem Thema, so wie es derzeit diskutiert wird, eher erstmal kritisch gegenüber. Wir sehen da eine starke Trennung von Mensch und Maschine. Das ist ein Prinzip von Toyota, das bei uns ja sehr stark verankert ist: „Baue eine Anlage, die Dinge tut, die der Mensch nicht beherrscht.“ Ansonsten lass es den Mitarbeiter machen. Bestimmte Komplexitäten bekomme ich nicht mit der Digitalisierung in den Griff. Beispielsweise wenn Mitarbeiter vor Ort arbeiten und kundenspezifisch Aufgaben erledigen müssen. Bei uns arbeiten möglichst viele Mitarbeiter in der Standardisierung, und alles, was drum herum passiert, wird über Springer erledigt. Das schafft kein SAP-System. Wir sehen nicht unbedingt das Heilbringende in Industrie 4.0.

Niestegge: Die Komplexität fällt ja im Markt an. Die Informationsprozesse, die vom Auftrag in die Fertigung kommen, bewerten zu können das ist für uns das wichtige in Industrie 4.0. Deshalb kann man das gar nicht separat betrachten. Das muss im Schulterschluss passieren. Die Informationen, die wir aus Big Data extrahieren, und die dann durch den Techniker umgesetzt werden, bringen ja nichts, wenn der Techniker seine Werkzeuge, seinen Baukasten nicht im Griff hat. Und ein Prozess ist kein Klärwerk.

In einem Unternehmen, dessen Prozesse so durchstrukturiert sind wie bei Schmitz: braucht man da eigentlich noch besondere Qualifikationen, wenn alles nach Takt läuft? Und ändert sich das Qualifikationsprofil nicht mit Industrie 4.0?

Mehlmann: Wir haben kein anderes Qualifikationsprofil als vorher. Für viele Prozesse brauche ich heute eigentlich keine Facharbeiter mehr. Das haben auch andere erkannt. Wir setzen allerdings auf den Mehrwert des Mitarbeiters. Wir sagen bei der Einstellung ganz bewusst: Wir zapfen euer Wissen an! Deshalb brauchen wir heute mehr denn je Mitarbeiter, die besser qualifiziert werden. Wir binden die Mitarbeiter seit Jahrzehnten sehr stark in die Prozesse ein, und überzeugen sie davon, dass jeder von ihnen eine wichtige Funktion als Rädchen im Getriebe hat.

 

Niestegge: Die Leistung, die Mitarbeiter bei uns zu bringen haben, ist ja nicht reine Arbeit. Sondern Arbeit plus Verbesserung. Das ist ja fast eine Lebensaufgabe, wenn man bei uns angestellt ist. Kontinuierlich dafür zu sorgen, dass wir das Optimum erreichen. Und das erreicht man nie ganz.

Mehlmann: Für den Einstieg bei uns heißt das, dass wir natürlich wie alle anderen auch erstmal schauen, was für eine Ausbildung ein Mitarbeiter hat. Das heißt aber nicht, dass man zwangsläufig nur als Schlosser bei uns anfangen kann. Wir schauen auch mal gerne in andere Industrien und versuchen unseren Kenntnisstand zu mischen. Das mag merkwürdig klingen, aber bei uns arbeiten beispielsweise auch Menschen, die eigentlich mal den Beruf des Bäckers gelernt haben. Die bringen dann auch ein anderes Denken mit.

Niestegge: Das ist in unseren Verbesserungsworkshops natürlich immer wieder spannend zu beobachten, wenn man mal sieht, wie sich die Rollenverteilung dann aushebelt, weil die, die den Bereich nicht kennen und dann vermeintlich dumme Fragen stellen, die eingefahrenen Mitarbeiter aus der Denkrille rausholen. Da ist ein Branchenfremder manchmal einfach besser. Gerade weil wir nach einfachen, pragmatischen Lösungen suchen.

Lassen Sie uns mal in die Zukunft blicken. Wenn Arbeit sich bei Schmitz Cargobull so kontinuierlich zum Besseren wandelt, die Systematik allerdings gleich bleibt: Wie wird die Arbeit in zehn Jahren sein?

Niestegge: Im administrativen Bereich wird sich die Arbeitsweise sehr stark verändern, das ist etwas, das man heute schon merkt. Wir versuchen bereits papierlos zu arbeiten und Systeme zu schaffen, die das Papier ersetzen. Aber unsere größten Veränderungen werden in Richtung Prozessoptimierung laufen. Wir werden uns im Administrativen stärker damit auseinandersetzen müssen, wie die Arbeit in der Fertigung läuft. Kleinere Taktungen werden wichtiger. Auch und gerade im Büro. Dort müssen wir – und ich denke alle anderen auch – weg vom Ressortdenken, hin zur Prozesssenke.

Mehlmann: Auch in der Fertigung wird die Prozesssenke wichtiger. Die Zusammenarbeit zwischen Ingenieur und Werker müssen wir verstärken. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass der gegenseitige Respekt wichtig ist. Der Werker muss einfach auch mal die Erfahrung machen, wie es ist, eine Aufgabe auf einem weißen, unbeschriebenen Blatt Papier zu erledigen – so wie es der Ingenieur ja eigentlich immer tut. Damit er seine Arbeit versteht. Umgekehrt muss auch der Ingenieur mal Hand an den Prozess legen. Wenn diese Funktionen von Anfang an Hand in Hand arbeiten, können wir auch von Anfang an Fehler vermeiden.

 

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