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Erfahrung bleibt - Dossier-Auszug

Als Leiter des Kompetenzfelds Arbeitswelt beim Institut der deutschen Wirtschaft weiß Oliver Stettes sehr wohl einzuschätzen, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf die Arbeit haben wird. Doch auch wenn sich alles wandelt, wird eine Sache unersetzlich bleiben: Der Erfahrungsschatz der Mitarbeiter.

Für Oliver Stettes ist der Wandel nur handhabbar, wenn wir ihn mit gesundem Menschenverstand betrachten. Der Experte des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln sieht die Zukunft vor allem im Zusammenspiel aus beruflicher Erfahrung, menschlichen Qualitäten und automatisierten Prozessen. Stettes prognostiziert, dass der Wandel nur gelingen kann, wenn wir seine Auswirkungen ganzheitlich verstehen. Zum einen aus der Kostenperspektive, die bisher nicht geklärt ist, zum anderen aus der Nutzenperspektive. Denn nur, weil ein Prozess automatisiert werden kann, heißt das noch lange nicht, dass man den menschlichen Erfahrungsschatz für diesen Prozess nicht mehr braucht. Im Gegenteil: Die auf Praxis basierende Expertise wird wichtiger, weil man immer noch den Menschen braucht, um die Arbeit der Maschine beeinflussen zu können.

Erfahrung bleibt - Auszug aus dem Interview mit Oliver Stettes

Herr Stettes, wie kommt es eigentlich, dass das Thema Industrie 4.0 eine so große Diskussion um die Zukunft der Arbeit anstößt?

Die Themen Industrie 4.0 und Digitalisierung sind gerade schwer en vogue, insbesondere die Diskussion um die Risiken, die mit dem Wandel einhergehen – das spiegelt sich dann auf der politischen Ebene, wo man regulativ auf den Wandel einwirken möchte, um die Risiken zu minimieren. Aber so richtig neu sind diese ganzen Diskussionen um den Wandel nicht.

Es gibt das Grünbuch des Arbeitsministeriums, das darauf hinweist, wie sich die Arbeitswelt verändern wird, und dass sich ein Handlungsbedarf ergibt, weil unsere Arbeitswelt sich nicht unbedingt zum Besseren entwickelt. Die Frage, ob uns die Roboter die Arbeitsplätze wegnehmen, ist ja nicht grundlegend neu, das haben wir ja bereits in den 1970er-Jahren befürchtet. Was heute noch dazukommt, ist die Tatsache, dass sich durch die Einführung der digitalen Technologien und durch das Vernetzen dieser Technologien ganz neue Formen des Interagierens und des Arbeitens ergeben.

Aus unserer Sicht passiert da allerdings nicht wirklich viel mehr als das, was in den letzten zwei Jahrzehnten schon passiert ist. Das ist in gewisser Weise eine Hysterie, die wir heute erleben. Denn wir sehen eigentlich keinerlei Anhaltspunkte, dass uns was auch immer die Jobs wegnimmt. Da muss man differenzieren. Die Frage ist, ob das Geschäftsmodell oder die Arbeit des Unternehmens vom Wandel betroffen ist. Das sollte man tunlichst gesondert betrachten, weil beides völlig unterschiedliche Auswirkungen auf das Unternehmen hat. Was wir von unserer Seite aus definitiv absehen können, weil wir das durch Befragungen erhoben haben, ist, dass der Qualifizierungsbedarf weiter steigen wird. Was sich jedoch in der Vergangenheit bereits abgezeichnet hat. Wobei wir andererseits wissen, das in vielen Bereichen der klassischen Helfertätigkeiten, die weniger auf Qualifizierung setzen müssen, in der Vergangenheit keine Wenigerbeschäftigung zu verzeichnen war. Das hat unter anderem mit den Arbeitsmarktregulierungen zu tun, die wichtiger sind als die technologischen Entwicklungen.

Sie sprachen vom steigenden Qualifizierungsbedarf. Wie sieht der denn in Zukunft aus?

Dort wo mit digitalen Technologien umgegangen werden muss, steigt der Bedarf an Fachkräften, die mit diesen Technologien umgehen können. Jetzt kann man sich überlegen, was es eigentlich bedeutet, mit diesen Technologien umgehen zu können. Für die meisten geht es da eher um die Bedienung fortgeschrittener Anwendungen, weniger ums Programmieren. Und noch weniger geht es wohl darum, dass man in der Lage ist, zu erkennen, welche Potenziale darin liegen, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln – obwohl das ja ein spannender Aspekt der Digitalisierung ist.

Neben dieser Fähigkeit der Handhabung neuer Technologien beobachten wir aber auch, dass der Mitarbeiter im Zuge des Wandels dann zum entscheidenden Faktor wird, wenn er auf Probleme eingehen soll. Oder wenn er im Verbund arbeiten soll, auch mit Akteuren außerhalb des Unternehmens. Mitarbeiter müssen in der Lage sein, eigenständig und selbst-ständig zu agieren und mit anderen zu kooperieren, auch mit anderen Sprachen und Kulturen – das wird definitiv an Bedeutung gewinnen.

Was unsere Untersuchungen auch zeigen, ist, dass die Behauptung, man bräuchte in Zukunft keine mittleren Qualifikationen mehr, so nicht nachzuvollziehen ist. In die Diskussion um Industrie 4.0 wird ja gerne eingebracht, dass bestimmte Tätigkeiten in diesen mittleren Segmenten über kurz oder lang überflüssig werden. Unsere Analyse zeigt allerdings, dass das berufliche Erfahrungswissen in Zukunft sogar noch wichtiger wird, damit man die Potenziale der Digitalisierung überhaupt voll ausschöpfen und adäquat einsetzen kann. Sie sehen das bereits in anderen Bereichen: Ein Zugführer im ICE oder ein Pilot macht ja de facto heute nicht mehr viel. Der sitzt da nur für den Notfall am Steuerpult, der eigentliche Prozess ist weitestgehend automatisiert. Doch im Notfall müssen diese Personen ja genau wissen, was da im Hintergrund passiert, wie die Prozesse laufen, welche Entscheidungen zu treffen sind, und wie man auf das System einwirkt. Das wird in der Industrie ähnlich sein: Wenn an einer Anlage ein Störfall eintritt, dann kann ich den ja nur beheben, wenn ich mich mit dem Prozess auskenne. Das ist wie in der Statistik: Man muss das Ergebnis interpretieren können. Das geht nur mit einem Erfahrungsschatz, den kann man nicht automatisieren.

Deckt sich das nicht auch mit den Forderungen nach mehr Agilität und Flexibilität in der Führung von Unternehmen? Es geht ja hier eher ums Reagieren, weniger ums Abarbeiten.

Natürlich gehört das zusammen. Aber auch das ist keine neue Entwicklung. Seit Anfang der 1990er-Jahre beobachten wir, dass Unternehmen flexibler auf Veränderungen im Marktumfeld reagieren müssen – das geht nur, wenn die handelnden Personen dazu in der Lage sind flexibel zu sein. Daher kann ich ein Unternehmen heute nicht mehr komplett hierarchisch führen. Heute muss eine Entscheidung an Altersgruppen und über Standorte hinweg delegiert werden. Mit der Digitalisierung werden neue Formen des Zusammenarbeitens möglich. Und da steckt auch ein technisches Potenzial drin. Dafür brauche ich allerdings Menschen, die das Potenzial heben können und heben wollen. Dafür braucht die Person an der Werkbank allerdings Motivation beziehungsweise sie muss für die Erreichung dieser Kompetenzen motiviert werden. Und man braucht da größere Handlungsspielräume als in der Vergangenheit. Das ist dann wiederum Sache der Führung, diese zu ermöglichen.

Aber das bedeutet doch auch, dass ich mit meinem Wissen und Können anders umgehen muss als vorher. Oder anders: Es wird ja dann eher das Wissen des Arbeiters gebraucht, weniger das Können. Sind das dann nicht ganz andere Anforderungen, die wir an den Facharbeiter stellen? Brauchen wir den „einfachen Schrauber“ denn noch?

Ob man den einfachen Schrauber noch braucht oder nicht, steht und fällt ja mit der Fragestellung nach den Kosten. Die zentrale Frage ist ja nach wie vor, was eine Arbeitsstunde kostet. Das ist ja kein Automatismus, sondern eine kalkulatorische Entscheidung. Doch selbst wenn eine einfache Verrichtung wegfällt, heißt das nicht, dass der Arbeitsplatz verschwindet. Er kann auf andere Verrichtungen ausgelegt werden, die man im Vorfeld vielleicht noch nicht wahrgenommen hat. Das würde mit Blick auf die Kompetenzen bedeuten, dass wir in allen Qualifikationsstufen mit höheren Anforderungen rechnen müssen. Und das heißt, dass das lebenslange Lernen von Kompetenzen eine zunehmend wichtigere Rolle spielt.

Es ist ja ein alter Hut, dass man sagt, man komme mit dem Wissen, das man aus der ersten Ausbildung mitbringt, sowieso nicht so weit, um in 20 Jahren noch beschäftigt zu sein. Heute ist die Spanne kürzer. Die Arbeitswelt verändert sich schneller denn je. Und zwar auf und nicht zwischen den Arbeitsplätzen. Wenn ich mir überlege, wie unspektakulär das Internet vor 20 Jahren war, und wie sehr es heute unser Leben bestimmt – und unsere Arbeit prägt, wie sehr sich Tätigkeiten mit dem Internet gewandelt haben. Darauf müssen wir uns als Beschäftigte im Zuge der Digitalisierung nun mal einstellen, dass wir mitten im Wandel sind, und dass dieser Wandel überall stattfindet.

Wen sehen Sie da in der Pflicht? Die Schulen oder die Ausbildungsbetriebe?

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass das mobile Internet nicht mehr verschwinden wird. Schulen und Ausbildungen müssen darauf vorbereiten, wie man mit diesem Medium umgeht. Und da sind Unterschiede in den Fragestellungen: Was müssen Schulen leisten, und was muss geleistet werden, wenn ich aus der Schule in meine Erwerbsbiografie gleite? Unternehmen müssen das für sich selbst und ihre Beschäftigten als Thema erkennen, um die Datensicherheit zu gewährleisten. Den jungen Menschen muss bewusst sein, dass der private Umgang mit Informationen mit sich bringt, die Quelle der Informationen zu bewerten.

 

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