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Hysterie 4.0 - Dossier-Auszug

Digitale Konflikte stehen durch 4.0 an. SAP-Chef und Wirtschaftswissenschaftler Martin Hill prognostiziert, dass unsere Erfahrung mit Arbeit und das damit verbundene Bauchgefühl unter Umständen mit den schnelleren Algorithmen der digitalen Welt kollidieren könnten. Ein vorprogrammierter Konflikt. Auszug aus unserem Interview …

Martin Hill progonostiziert Reibungen im Wandel. Der Wirtschaftswissenschaftler beschäftigt sich nicht zuletzt wegen seiner Position bei SAP schon länger mit den Herausfoderungen, Begleiterscheinungen und Widerständen bei der Implementierungen von Technologien. Hill prognostiziert, dass unsere Erfahrung mit Arbeit und das damit verbundene Bauchgefühl unter Umständen mit den schnelleren Algorhythmen der digitalen Welt kollidieren können. Es sei denn, wir lernen zu verstehen, dass der digitale Wandel wie jede andere Veränderung mehr Zeit braucht – weil es eben nicht nur um die Adaption neuer Technologien, sondern auch um eine neue, offenere Kultur geht.

Digitale Konflikte - Auszug aus dem Interview mit Martin Hill

Herr Hill, was genau wandelt sich denn gerade in unserer Arbeitswelt?

Faktisch sehen wir uns im Moment mit drei großen Trends in der Arbeitswelt konfrontiert. Zum einen sind das neue Technologien, die zum Einsatz kommen. Das Thema Robotik beziehungsweise Automatisierung ist da eine sehr massive Strömung. Wir haben heute in der Industrie viele Arbeitsplätze, die bald entweder durch Roboter unterstützt werden oder zumindest ergänzt – der Mensch bekommt also einen neuen, technischen Kollegen. Eine zweite Strömung ersetzt Arbeitsplätze völlig, zum Beispiel im 3D-Printing. Durch den Druck von Teilen für Anlagen, Maschinen oder Fahrzeuge fallen ganze Arbeitsplätze weg, weil das völlig autonome Prozesse sind. Man braucht da mitunter nicht mal mehr Werkzeuge, wie in der klassischen Produktion. Das 3D-Printing nimmt massiv zu, da wird menschliche Arbeit nahezu vollständig ersetzt werden. Und als dritten Trend beobachten wir den Einsatz von IT relativ nah am Shopfloor, also in der Produktion und in der Logistik. Dort werden sich die Aufgabenprofile der Menschen massiv ändern, klassische Tätigkeiten werden wegfallen, stattdessen wird man vielmehr mithilfe der Technologien die Arbeit verrichten.

 

Ganz unabhängig davon, ob dieser Wandel nun gut oder schlecht ist: Was sind denn die Ursachen? Wandeln wir uns mit der technischen Evolution, also mit den Trends, oder sind die Trends die Folgen des Wandels?

 

Das ist die Henne-Ei-Frage, die man nicht so einfach beantworten kann. Wir unterliegen Markttrends, die nicht unbedingt etwas mit unserer technologischen Evolution zu tun haben. Ein Beispiel ist die sogenannte Omnichannel Experience, also das Gestalten von Kundenerlebnissen über Kanäle hinweg. Unternehmen gestalten den Marktzugang über den Verkaufsraum hinweg, zum Beispiel durch Webshops und Produktkonfiguratoren, wo der Kunde sein individuelles Angebot eigenständig gestalten kann. Dadurch werden unsere Supply Chains und die Produktionsanforderungen ungleich komplexer – das ist ein Megatrend ganz losgelöst vom Wandel der Arbeitswelt.

 

Dieser Megatrend ist ein Stück weit auch vom Bedarf nach individualisierten oder individualisierbaren Produkten geprägt – auch das bläht die Supply Chain auf. Und die Handhabung und Bewältigung dieser immer komplexer werdenden Lieferkette wird vom dritten Markttrend begleitet, der Ausweitung unserer Unternehmensnetzwerke. Die Supply Chain wird wortwörtlich hart verdrahtet und über die IT gemanaged, damit wir unter anderem bis zu fünfstufige Lieferketten schnell und effizient managen können. Das Ganze wiederum passiert in einer Zeit der Ressourcenknappheit und hängt vielleicht auch ein Stück weit damit zusammen. Uns gehen zum einen die natürlichen Ressourcen aus, zum anderen fehlt es uns an „Digital Natives“, also an Menschen, die bereits vom Selbstverständnis her den Umgang mit der IT als etwas völlig Normales betrachten und dementsprechend damit umgehen können. Diese Strömungen und Markttrends verursachen starke Veränderungen in unserer Arbeitswelt.

 

Hinzu kommen wiederum vier Haupttechnologietrends, die diese Entwicklung begleiten. Da ist zum einen das Thema Smart Devices, das wir beobachten: Steuerungen und Sensoren werden immer intelligenter und entlasten uns in der Analyse und Überwachung von Prozessen. Hinzu kommt das Thema Hyperconnectivity im Bereich der Hardware. Wir prognostizieren für das Jahr 2020, das über 200 Milliarden Dinge miteinander vernetzt sind und kommunizieren – das sieht man in meinem Arbeitsfeld zum Beispiel an Sensoren, die mit dem ERP-System „sprechen“. SAP ist also mit der Hardware vernetzt.

 

Der dritte Trend ist das Supercomputing. Die Daten, die durch diese Vernetzung entstehen, können in Echtzeit ausgewertet werden. Es gibt da eine sehr anschauliche Metapher, die besagt, dass die Leistung, die wir heute bereits mit unseren Hochleistungsrechnern in Sachen Datenverarbeitung erzielen können, in etwa so groß ist, wie wenn man mit einem Flugzeug von Hamburg nach New York in sieben Minuten fliegen würde. Und da ist noch sehr viel Luft nach oben.

 

Und dann kommt noch der vierte Trend dazu, der diese Leistung beeinflussen wird: das Cloud Computing. Immer mehr Programme, Applikationen und Rechenschritte werden in die Cloud verlagert. Das Ergebnis ist eine ungeahnte Schnelligkeit, nicht nur in Sachen Performance, auch in Sachen unmittelbarer Benutzbarkeit. Hardware ist durch Cloud Computing „ready to use“ – sie stöpseln sich quasi nur ins Netz und können sofort mit der Arbeit loslegen, die umständliche Implementierung entfällt. Diese ganzen Bewegungen und Trends, also von Markt- und von Technologieseite her, stehen nebeneinander. Was jetzt was treibt, kann man nicht beantworten.

 

Was bedeuten denn diese Trends in Richtung autonomer Technik für klassische Arbeiten? Was wird sich da ändern?

 

Es ist unumstößlich, dass bestimmte Arbeiten wegfallen werden. Nehmen Sie mal den Klassiker, einen Orthopädiehandwerker, der Prothesen oder Einlagen herstellt. Da bin ich der festen Überzeugung, dass es den in zehn Jahren nicht mehr geben wird, weil wir solche Arbeiten über 3D-Printing verrichten werden. Das sind ganze Berufsgruppen, die wegfallen.

 

Darüberhinaus werden sich aber auch viele Jobprofile in der Produktion komplett wandeln – das ist ja heute schon abzusehen. Die ganze Entwicklung in Richtung Industrie 4.0 führt ja nicht nur zu automatisierten Prozessschritten, sondern auch zu einer Dezentralisierung von Entscheidungen. Es gibt ja in einer digitalisierten Fabrik nicht  mehr den klassischen Top-down-Entscheidungsweg, wenn es mal irgendwo klemmt.

 

Es war ja in der Vergangenheit kaum vorstellbar, dass jemand, der eine CNC-Maschine bedient, die Entscheidungsbefugnis hat, einen „Shutdown“ zu machen – also die Anlage im Fall der Fälle herunter-

 

zufahren. Mit Industrie 4.0 ist es allerdings so, dass der CNCler diese Befugnis jetzt hat, denn er hat ja den unmittelbaren Zugriff auf das ganze System, nicht nur auf den einzelnen Arbeitsschritt. Und seine Entscheidung ist durch Daten gestützt. Insofern werden sich auch die Ausbildungen ändern müssen. Heute haben diese Menschen ja meist noch eine rein ausführende Tätigkeit. Aber die wandelt sich hin zu einer Entscheidungsbefugnis und zu mehr Fähigkeiten im Bereich IT. Dass wir also die Ausbildung des Facharbeiters vom rein Fachlichen lösen müssen, hin zu IT-Management-Kompetenzen, ist unabdingbar. Und das sehe ich die Ausbildungsbetriebe und die IHKs in der Pflicht.

 

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