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Der Wandel ist ein Dialog - Dossier-Auszug

Management-Vordenker und Berater Guido Bosbach sieht im digitalen Wandel die große Chance, das kollaborative Arbeiten endlich sinnvoll zu nutzen. Dafür muss sich allerdings nicht nur die Kultur wandeln, sondern vor allem auch die Art und Weise, wie wir mit Wissen umgehen. Seine These: "Wir verändern uns nur, wenn wir mehr miteinander reden."

Für Guido Bosbach liegt das große Problem mit dem Wandel der Arbeit nicht in der technologischen Behäbigkeit, sondern in der Art und Weise, wie wir in Ausbildung und Beruf aneinander vorbeireden. Der Berater für Zukunftsfragen im Kontext Arbeit glaubt an die Macht der Netzwerke – die Entwicklung und Tragweite der vernetzten Gesellschaft bestätigen seine Annahme, dass wir den Wandel nicht meistern können, wenn wir Wissen und Expertise Einzelnen überlassen. Stattdessen sieht Bosbach die Zukunft im Dialog auf Augenhöhe. Denn erst, wenn wir konstruktiv miteinander Reden, uns Austauschen und gemeinsam mit Erfahrungen und Erkenntnissen bereichern, können wir mit den Herausfordeungen des Wandels umgehen, und uns von den Ängsten lösen, die uns dabei im Wege stehen. Doch dafür braucht es eine Offenheit, die man in Schulen, Organsiationen und Führungs- ebenen leider noch viel zu selten findet.

Der Wandel ist ein Dialog - Auszug aus dem Interview mit Guido Bosbach 

Herr Bosbach, wie wird sich die Arbeit in Zukunft verändern?

Die Frage lässt sich nicht wirklich beantworten. Wir wissen zwar, dass sich Arbeit verändern wird. Aber wir wissen nicht wie. Weil wir irgendwie auch schon die ganze Zeit in der Veränderung drin sind – in der technologischen, genau so wie in der Veränderung der Organisationsentwicklung. Man sieht ja, was sich in den letzten 20 Jahren bereits alles verändert hat. Mitte der 1990er-Jahre gab es noch keine Smartphones, keine E-Mails, kaum Video. Wir haben über Telefon und Fax kommuniziert, wenn wir miteinander arbeiten mussten. Wenn ich sehe, wie wir heute miteinander arbeiten können, und was da noch in den nächsten Jahren auf uns zukommt, dann stehen wir gerade erst am Anfang, obwohl wir mittendrin sind. Enabler-Technologien werden sicherlich Virtual Reality und Wearables sein – denn das sind Dinge, die uns die Digitalisierung im Arbeitsleben bewusst näher bringen, die wir erleben können. Ich bastle beispielsweise gerne an alten Autos rum und muss dafür Handbücher wälzen, damit ich weiß, wo ich schrauben muss. Ich bin mir sicher, das es in fünf Jahren bereits Standard ist, eine Technologie wie Google Cardboard, also eine Kombination aus Smartphone und Datenbrille bei der Arbeit auf der Nase zu haben, statt in Handbüchern zu blättern. Wir werden uns in vielen Dingen von Technologien leiten lassen. Das gilt auch für die Arbeit des Werkers an der Maschine – der wird in fünf Jahren eine digitale Brille tragen oder einen Knopf im Ohr haben und darüber Hilfestellungen für seine Arbeit bekommen.

Wenn die Hilfestellung durch Industrie 4.0 und Digitalisierung doch bereits so offensichtlich ist, warum tun wir uns dann mit dem Wandel, insbesondere im Mittelstand, noch so schwer?

Der Mittelstand tut Dinge nur dann, wenn sie ihm helfen. Und da weiß ich im Moment nicht, ob wir die Nutzenargumentation in Sachen Digitalisierung gut und deutlich genug führen. Wir kommen ja sehr stark aus der Perspektive des technisch Machbaren. Da kommt allerdings der Nutzen zu kurz – und wir vergessen eben, dass die meisten Unternehmen nun mal erst auf gute Produkte und auf Gewinn schauen. Wie weit beides von der Digitalisierung beeinflusst werden kann, ist ja nicht so eindeutig. Obwohl es Erfolgsbeispiele gibt. Aber die Fragestellung, wie man den Gewinn erzielen und sicherstellen kann, bleibt da oft noch offen. Dass neue Technologien da langfristig helfen, steht aus unserer Warte außer Frage. Nur wartet man eben aus verschiedenen Gründen noch damit, auf dieses Thema aufzusatteln. Obwohl: spätestens wenn der Wettbewerb sich mit dem Thema auseinandersetzt, setzt man auch auf den Wandel. Da ist dann eben nur die Frage, wie schnell die Organisationsstrukturen dem Wandel gewachsen sind. Es gibt ja genügend Studien, die nachweisen, dass die Haltung der Führungskräfte die Begeisterung und Wandlungsfähigkeit der Mitarbeiter maßgeblich beeinflusst.

Also ist der digitale Wandel weniger eine Frage der Technologie als vielmehr eine Frage des Leaderships? Brauchen wir dann nicht eine andere Führungskultur für den Wandel?

Die bräuchten wir, aber die haben wir ja nicht. Das Thema Leadership ist ja fast nirgendwo richtig mental verankert. Wer hat das denn schon richtig gelernt? Die wenigsten Ausbildungen haben das überhaupt als Thema. Es gilt ja überall noch die Devise, dass man nur befördert wird, wenn man fachlich etwas kann. Man lernt etwas und kann später zeigen, dass man das anwenden kann, um dann aufzusteigen. Aber da ist das Thema Menschenführung ja nicht gefragt. Die menschliche Kompetenz, die wird da völlig außer Acht gelassen. Und die taucht in den Aus- und Weiterbildungen ja nur ganz marginal auf. In Sankt Gallen studiert man das Thema über vier Jahre hinweg, im Mittelstand wird das aber an maximal zwei Tagen behandelt. Wie soll man mit so wenig Kenntnissen über Leadership Menschen führen?

Aber wir lesen doch trotzdem überall davon, dass es darum geht, die Menschen zur Arbeit zu motivieren. Ihnen den Spaß an der Arbeit zu vermitteln.

Arbeit leitet sich ja aus dem Altgermanischen Wortstamm für „Mühsal“ und „Plage“ ab. Das haben wir irgendwie verinnerlicht. Das ist etwas anderes als das englische Wort „work“, was sich von „Werk“ ableitet, vom „Tun“. Allein da brauchen wir schon eine Haltungsänderung, ein anderes Verständnis. Und das haben wir nur, wenn wir die Veränderung zum Besseren erleben. Aber in das Thema gehen wir einfach zuwenig rein, da fördern wir hier keine Entwicklung in irgendeiner Form. Es bleibt nach wie vor dabei, dass das, was jemand gelernt hat, bis zum Lebensende sein Arbeitsinhalt bleibt. Daran hapert es ja schon.

Müssen wir uns aus soziologischer Sicht wandeln?

Wir dürfen eine Sache nicht übersehen: Die Generation, die heute arbeitet, ist die erste, die mehrere Stufen des technologischen Fortschritts in der eigenen Lebensspanne miterlebt hat und noch erlebt. Und da kommt der soziale Fortschritt einfach nicht mehr hinterher. Die Änderung der Haltung braucht allerdings viel mehr Zeit. Das sieht man sehr deutlich an der Art und Weise, wie wir kommunizieren, und wie die Digitalisierung die Kommunikation verändert hat. Vor zehn Jahren noch hat man einen Brief geschrieben, wenn man etwas wollte, und hat dann drei Tage auf eine Antwort gewartet – das war asynchron. Heute erwarten wir die Antwort in zehn Sekunden, und werden ungeduldig, wenn das zu lange dauert. Unser Verhalten hat sich zwar verändert, aber unsere Haltung, oder das was wir erwarten, eben nicht.

 

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